Kosovo Airlines – oder: Wo nehmen wir nur die Fachkräfte her?

Jara sah durch die große Glasscheibe auf die Rollbahn hinunter. Die Sonne zeigte die Streifen überdeutlich, die die Fensterputzer hinterlassen hatten. Kosovo Airlines.

Arbeitskräfte gesucht und erfolgreich abgewehrt

Eine mittelgroße Maschine schob sich langsam näher und blieb schließlich stehen.

Heute kam Dalina, ihre beste Freundin aus Kindertagen, nach Berlin.

„Es hat geklappt, ich komme“, hatte sie vor wenigen Tagen geschrieben. „Keine Zeit, um zu telefonieren. Ich muss noch so viel vorbereiten.“

Jara war vor Freude fast an die Decke gesprungen, als sie die so lange erwartete  WhatsApp las. Plötzlich fühlte sie sich wieder wie damals, als sie beide unzertrennlich waren.

Ihre Eltern waren nach Deutschland gekommen, weil der Krieg ihnen keine andere Möglichkeit gelassen hatte. Hier wollten sie abwarten, bis sich die Lage in der Heimat wieder beruhigt hätte. Der Kosovo blieb während der Jahre in Berlin das Sehnsuchtsland der Eltern und sobald sich die Möglichkeit bot, gingen sie zurück. „Zurück in die Heimat!“, sagten sie glücklich zu ihren Töchtern. Dabei war doch die Heimat Dalinas und Jaras Neukölln. Hier waren sie geboren, hier waren sie in den Kindergarten gegangen und später zur Schule, waren vom ersten Tag an fast wie Schwestern gewesen. Hier in Neukölln lebten ihre Freundinnen und hier waren ihre Pläne für die Zukunft angesiedelt. Kinderpläne zwar, aber deshalb nicht weniger wichtig als die der Erwachsenen. Hier wollten sie bleiben, in Neukölln, in Berlin, in Deutschland. Was sollten sie im Kosovo? Doch wer hörte schon auf die Wünsche von zwölfjährigen Mädchen? Wer kümmert sich um ihre Sorgen, Ängste und Lebensentwürfe?

„Ihr werdet sehen, dass es euch dort gefällt“, sagten die Eltern. „Wir sind doch alle dort zu Hause. Der Kosovo ist auch eure Heimat – und außerdem gibt es nicht weit von dort Meer, Strand und Sonne im Überfluss“, fügten sie noch hinzu, weil sie glaubten, die Töchter, die sich immer beklagt hatten, nicht wie ihre Schulkameradinnen in den Sommerferien in den Süden ans Meer fahren zu dürfen, damit zu überzeugen.

„Wir fahren nach Hause, nach Hause ans Meer“, sagten Dalina und Jara zu ihren Freundinnen, als sie sich verabschiedeten, und es gelang beiden, erst zu weinen, als sie das Schulgebäude bereits verlassen hatten.

In Prstina trennten sich ihre Wege am Ausgang des Flughafens, doch zuvor erneuerten die Mädchen noch einmal ihr Versprechen, das sie sich vor der Abreise aus Berlin gegeben hatten: Eines Tages würden sie beide wieder nach Deutschland zurückkommen, zurück nach Neukölln – zurück nach Hause. Sie hielten weiterhin Kontakt, zuerst schrieben sie sich Briefe, später Nachrichten per WhatsApp.

Zurück im Kosovo gingen die beiden Mädchen, deren Leben sich in Deutschland fast genau gleich abgespielt hatte, sehr unterschiedliche Wege. Dalinas Vater war vor dem Krieg Lehrer gewesen und nach seiner Rückkehr bekam er seine Stelle zurück. Lehrer waren gefragt. Man benötigte sie dringend, um die Generation der Nachkriegskinder auf ein neues Leben im Frieden vorzubereiten.

Jaras Familie gehörte zum Volk der Rom, und die Roma waren nach dem Krieg im Kosovo genauso unbeliebt wie zuvor. Jaras Vater hatte sich früher mit Gelegenheitsarbeiten mehr schlecht als recht durchgeschlagen und jeden Tag neue Wege beschritten, um seine Familie über Wasser zu halten. Nach dem Krieg war es für ihn noch schwieriger Geld zu verdienen, als zuvor. Die Arbeitslosigkeit war hoch und bevor ein Rom eingestellt wurde, kamen alle anderen an die Reihe. Vater, Mutter und auch Jara mussten mithelfen, um wenigstens das Nötigste zum Leben aufzutreiben. Anfangs versuchten die Eltern alles, um Jara auch im Kosovo täglich zur Schule zu schicken, doch bald ging sie nur noch unregelmäßig zum Unterricht und verbrachte mehr Zeit auf der Müllkippe der Stadt, wo die Ärmsten der Armen nach Brauchbarem suchten, als in der Schule. Ihrer Freundin Dalina erzählte sie davon nichts.

Als Dalina eines Tages anfragte, ob Jara sich mit ihr bei der deutschen Pflegeschule bewerben würde, weil sie sich dadurch eine gute Chance auf baldige Rückkehr nach Deutschland erhoffte, musste Jara eingestehen, dass sie keinen Schulabschluss vorweisen konnte und somit auch nicht angenommen würde.

„Ich finde einen anderen Weg, um zurück nach Hause zu kommen“, schrieb sie Dalina. „Mach du die Ausbildung zu Ende und komme dann nach Berlin. Ich bereite dort alles vor und erwarte dich.“

Jara zögerte nicht lange. Noch bevor die Grenzen geschlossen wurden, hatte sie genügend Geld beiseite geschafft, um sich eine Busfahrkarte nach Deutschland zu kaufen. Den Eltern hatte sie nichts von ihren Plänen erzählt, war einfach abgereist.

„Ich bin zurück in Deutschland. Ich bin zu Hause. Mir geht es gut, sorgt euch nicht“, sagte sie, als sie die Eltern nach ihrer Ankunft von Berlin aus anrief.

Jara stellte einen Asylantrag, der schnell abgelehnt wurde. Sie legte Widerspruch ein, hangelte sich von Duldung zu Duldung und musste ihre Pläne, endlich einen Schulabschluss und anschließend eine Ausbildung als Altenpflegerin zu machen zunächst auf Eis legen. Lediglich als ungelernte Hilfe durfte sie arbeiten, solange sie geduldet war. Jara war beliebt im Seniorenheim. Sie sprach fließend deutsch, arbeitete sorgfältig und pflichtbewusst und die Alten hatten die junge Frau, die immer fröhlich zu sein schien, gerne um sich.

Jara war sicher, es eines Tages zu schaffen. Wenn sie nicht arbeitete, lernte sie für den Schulabschluss. Sobald sie die Aufenthaltsgenehmigung bekam, würde sie als Externe die Prüfung ablegen und mit Sicherheit würde sie dann auch einen Ausbildungsvertrag bekommen.

„Du hast nun schon so lange bei uns gearbeitet, du weißt mehr als manche Auszubildende, dich nehmen wir mit Kusshand“, sagte man ihr, als sie sich bei der Pflegeleitung erkundigte, wie ihre Chancen stünden. „Wir brauchen dringend so engagierte Menschen wie dich.“

Jara bereitete alles für die Ankunft der Freundin vor, als Dalina ihr schrieb, dass der deutsche Gesundheitsminister ihre Pflegeschule besucht hatte, um Arbeitskräfte für Deutschland anzuwerben, und dass sie sich gute Chancen ausrechnete, genommen zu werden. Sie würden zusammen wohnen und vielleicht später sogar zusammen arbeiten, hatten sie sich voller Vorfreude ausgemalt. Heute nun war es so weit. Dalinas Bewerbung war nach langem Warten angenommen worden, und mit einem Arbeitsvertrag in der Tasche würde sie in wenigen Minuten aus dem Flugzeug steigen, das soeben gelandet war.

Jara sah aus dem Fenster auf die Rollbahn. Die Gangway wurde ans Flugzeug geschoben, die Tür öffnete sich und die ersten Passagiere drängten nach draußen. Da, da war Dalina. Jara winkte, doch Dalina konnte sie nicht sehen. Sie ging mit schnellen Schritten die Gangway hinunter, schien im Gehen noch eine WhatsApp zu verschicken. Bestimmt hatte sie Sorge, Jara zu verfehlen und wollte noch einmal den Treffpunkt am Hauptausgang bestätigen, den sie verabredet hatten.

Kosovo Airlines. Nicht mehr lange, dann würde Jara dasselbe Flugzeug besteigen mit dem Dalina gekommen war. Die Maschine flog zurück nach Prstina und sie sollte nicht leer fliegen. Mit Jara zusammen würden zahlreiche Menschen das Flugzeug füllen, die im Kosovo keine Zukunft mehr gesehen hatten und deshalb nach Deutschland gekommen waren. Bereit zu arbeiten, wo immer sie gebraucht wurden. Der Lautsprecher knackte, bevor die Durchsage kam:

„Es ist Zeit, machen Sie sich bereit zur Sammelabschiebung in den Kosovo. Sobald Sie alle im Flugzeug sitzen, bekommen Sie Ihre Handys zurück.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s