Ich bin systemrelevant

ziemlich peinlich

Eine seltsame Entwicklung haben die Geschehnisse des Jahres 2020 mit sich gebracht: Wie so viele, die zuvor niemand wirklich gesehen hat, bin ich plötzlich systemrelevant. Nicht dass dies etwas grundlegend ändern würde, aber für jemanden die im Kulturbereich angesiedelt ist, der nun bereits zum zweiten Mal als reine Unterhaltung eingestuft und deshalb stillgelegt worden ist, ist es von Vorteil, systemrelevant zu sein. Lesungen mit ihren Einnahmen brechen weg, da ist es plötzlich ein sehr großer Vorteil, was früher eher nachteilig gewirkt hat: Vom Schreiben nicht leben können und deshalb noch einen sogenannten Brotberuf zu haben, der nun plötzlich als systemrelevant und zu allem Überfluss hin auch noch als heldenhaft gilt.

 

Eine Art Tagebuch aus dem 1. Lockdown

„Warten auf bessere Zeiten“

27.04.2020

Kritikfähigkeit, Skepsis, sich das Recht nehmen, etwas in Frage zu stellen – das scheint in diesen Tagen etwas zu sein, das wir uns mit aller Kraft erhalten müssen.

Regeln, Erlasse, Gesetze jagen sich. In kurzer Zeit werden Einschränkungen unterschiedlichster Art verhängt. Es genügt, zu behaupten, sie dienten der Gesundheit, um sie salonfähig zu machen. Diskussionen sind nicht mehr erlaubt, ganz egal, ob es um inhaltliche Kritik an den Verfügungen geht, oder um die Vorgehensweise oder vielleicht sogar genau um die Frage, ob weiterhin das Recht zur Diskussion besteht. Alles was als der Gesundheit dienlich verkauft wird, darf nicht mehr in Frage gestellt werden und zwar wohlgemerkt nicht um staatliche Sanktionen zu vermeiden, sondern um sich nicht den übelsten Verdächtigungen durch manche Mitbürger*innen auszusetzen. Es scheint diese werden immer mehr. Wer kritisiert, wer skeptisch bleibt läuft schnell Gefahr als unsolidarisch, als Jammerlappen (anderen geht es ja noch viel schlechter), als Verursacher von Coronatoten und – ganz perfide, als rechtslastig oder Aluhutträger*in diffamiert zu werden. (Aber nur weil ein Nazi sagt, dass das Wetter schlecht ist, muss da ja nicht falsch sein.)

Dabei benötigen wir unsere Skepsis und unsere Kritikfähigkeit dingend. Nicht nur, um eines Tages aus dem Zeitalter der Einschränkungen wieder herauszufinden, sondern vor allem, um nicht in die Falle „Nach der Corona-Krise ist (wie) vor der Corona-Krise“ zu tappen. Alles sieht danach aus, als ob es darum gehe, den Virus in den Griff zu bekommen, um möglichst bald wieder im alten Fahrwasser agieren zu können. Es soll sich möglichst nichts ändern, die Wirtschaft wieder boomen, die Reichen reich und gesund und die Armen außen vor oder noch besser einfach draußen bleiben. Die globale Wirtschaft, die gebaut ist auf Ausbeutung und Umweltzerstörung, auf Rücksichtslosigkeit und Egoismus wird von denen, die sich jetzt so sehr um die Gesundheit der Bürger*innen kümmern (der „eigenen“ wohlgemerkt), soll genau dort wieder aufgenommen werden, wo sie durch den Virus lahmgelegt worden ist. Wenn wir das zulassen, dann steht die nächste Krise vor der Tür und gegen diese helfen weder Händewaschen und Abstandhalten, noch eine Gesichtsmaske oder eine App. Corona ist ein Vorbote dessen, was uns erwartet, wenn wir nicht aufhören, ohne Rücksicht auf Menschen und Umwelt Geld zu scheffeln.

Wenn das Klima weiter kippt, dann spüren das zuerst andere, bevor es bei uns ankommt. Gerade erleben wir einen klitzekleinen Vorgeschmack auf das, was uns bevorsteht.

 

28.04.2020

Die Mauer im Kopf. Eine Erinnerung an die vier Wochen im Knast vor 35 Jahren (NATO-Doppelbeschluss, Nachrüstung, Kalter Krieg). Sie ist wieder da, obwohl ich letztendlich kaum eingeschränkt bin. Äußerlich. Aber was sich um mich herum tut, bringt mich zu einem ungesunden Rückzug. Ich könnte mir schon fast vorstellen, dauerhaft in meiner Gartenfestung zu bleiben. Heile Welt zu leben, einmal abgesehen von einem toten Vogel, den die Katze oder ein Raubvogel geholt hat und den ich gestern begraben habe. Eine Parallele im Kleinen zum Großen, das ich zu vermeiden suche? Auch hier trifft es die anderen, die Risikogruppe heißt hier Jungvögel. Draußen sind die Risikogruppen andere, aber auch dazu gehöre ich nicht.

Ist es das, was mich so runterzieht? Das Wissen  um die Risikogruppen, die immer schon Risikogruppen waren und an deren Existenz wir trotz allem Widerstand und Kampf nichts geändert haben? Die Armen, die „Fremden“, die im falschen Land leben, in der falschen Klasse, in der falschen Umgebung, mit der falschen Hautfarbe.

Es wird so viel von den Risikogruppen hierzulande in Bezug auf diesen einen Virus gesprochen. Je nach Einteilung kann ich mich dazuzählen oder nicht. Aber was ist das für ein Risiko, das wir tragen im Verhältnis zu eben diesen „Anderen“? Es wirkt geradezu lächerlich, mich einer Risikogruppe zuzuordnen, während ich genug zu essen habe, genug Wasser, genug Hygienemöglichkeiten, genug Rückzugsmöglichkeiten, ein finanzielles Polster, das für die einen kaum mehr als „Nichts“, für die „Anderen“ aber einen unerreichbaren Reichtum darstellt.

Die Mauer im Kopf ist wieder da. Sie hält mich davon ab weiter als bis morgen, weiter als bis zum Ende der derzeitigen Ausnahmesituation zu denken. Sie lässt mich kaum schreiben, nur wenig lesen, auch andere Tätigkeiten bleiben liegen. Was geht sind Spiele und Knobeleien, in die sich versinken lässt, die dabei helfen, jeden Gedanken an das Leben als Solches abzustellen.

Die Mauer im Kopf ist wieder da und ich suche nach Möglichkeiten, sie einzureißen.

 

1.05.2020

  1. Mai Demo online. Hab mich reingeklickt, damit die Beteiligung steigt, aber ich hatte keine Lust, zuzuhören.

Vor genau einem Jahr habe ich auf Föhr die letzte Bearbeitung von „nie wieder zurück“ gemacht, damit es nach dem Urlaub ins Lektorat konnte.

Dieses Jahr fällt die Nordsee aus – ich merke, was ich schon immer wusste: Die Nordsee gibt mir den nötigen Input. Zu Beginn eines Manuskriptes und auch immer wieder zwischendurch, wenn es nicht mehr rund läuft. Dieser Input fehlt mir dieses Mal. Ich hänge fest, schreibe mal zwei Seiten, ein paar Tage später drei – kann meine Gedanken nicht kanalisieren, nicht abschalten, von dem, was gerade geschieht. Ich hänge fest. Es geht nicht weiter.

2.5.2020

Ich muss raus aus dem Loch, es kann nicht sein, auf Dauer festzusitzen, weil die Umstände sind wie sie sind.

 

 

 

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