Die Asylentscheiderin

Die Asylentscheiderin
Die Asylentscheiderin

Aus: „Die Asylentscheiderin“

Textauszug 1

Seit Tagen hatte ich nicht mehr geschlafen. Sobald ich mich ins Bett legte und die Augen schloss, kamen sie zu mir. Weiße, braune, schwarze Gesichter. Frauen, Männer, Kinder. Alte und Junge. Ein Mann trug sein ertrunkenes Kind auf dem Arm, von dem das Wasser in mein Bett tropfte, eine Frau hielt mir ihr steifes, erfrorenes Baby hin, als ob sie es mir geben wollte. All diese Gestalten, all diese Menschen hatte ich ins Elend, wenn nicht sogar in den Tod geschickt, so schien es mir. Auch wenn sie nur schweigend um mich herumstanden, so glaubte ich doch zu hören:

„Du hast uns weggeschickt, du hast entschieden, dass wir gehen müssen. Zurück in ein Land, in dem wir nicht leben können. In dem sie uns nicht in Ruhe leben lassen.

In ein Land in dem wir nicht leben können, weil wir keine Arbeit haben, kein Haus, kein Essen für unsere Kinder. Weil die meisten so arm sind, dass es gerade mal zum Überleben reicht, aber nicht zum Leben. Und für manche noch nicht einmal dazu.

In ein Land, in dem sie uns nicht in Ruhe leben lassen. Weil wir Roma sind, weil wir lesbisch sind oder schwul oder transsexuell. Weil wir Frauen sind und deshalb ständig in Gefahr und ohne Möglichkeit, jemals unser eigenes, unabhängiges Leben zu leben.

Du hast entschieden, dass wir gehen müssen, weil es kein besonderes Gesetz in unserem Land gibt, das bestimmt, dass wir verfolgt werden für das, was wir sind. In ein Land, in dem es aber auch niemanden gibt, der unsere Unterdrückung verhindert.“

Ich drehte mich weg, aber auf der anderen Seite des Bettes standen sie auch. Obwohl da die Wand war, starrten mich auch von dieser Seite die Gesichter an und ich hörte ihre stummen Vorwürfe. Ich zog die Decke über den Kopf, wollte nichts mehr sehen und nichts mehr hören, wollte nur meine Ruhe haben und schlafen. Schlafen …

Aber auch in den Schlaf hinein verfolgten sie mich. Ob ich die Augen geöffnet oder geschlossen hatte, immer sah ich sie da stehen, sah ihre Blicke und hörte ihre Klagen gegen mich. Dann dämmerte ich weg und der Traum führte mich vor ein Tribunal. Ich war die Angeklagte, vor mir saßen mehrere Richter in ihren schwarzen Roben und blätterten in meinen Akten. Ich konnte genau sehen, dass dies von mir angelegte Akten waren. Schicksale, über die ich entschieden hatte oder über die ich noch entscheiden musste. Ich drehte mich um, weil ich es hinter mir raunen hörte und sah wieder ihre Gesichter. Weiße, braune, schwarze Gesichter. Alte Gesichter und junge, die schon fast genauso verbraucht und gezeichnet wirkten wie die der Älteren. Ich wollte aufstehen, versuchte verzweifelt von meinem Stuhl hochzukommen und erwachte, als es nicht gelang. Aber im Erwachen war keine Rettung, denn nun standen sie wieder um mein Bett herum und sahen mich an. Sahen mich an mit diesem verlorenen, diesem verzweifelten Blick, den ich in den letzten Monaten immer und immer wieder bei all den Menschen gesehen hatte, die vor mir in meinem Büro saßen, mit schwitzenden Händen, unruhigen Füßen und einem Geruch nach Angst, der mich nach jedem Interview das Fenster aufreißen ließ.

Textauszug 2

Das Büro befand sich im zweiten Stock, das Fenster ging auf einen asphaltierten Hinterhof, in dessen Mitte sich aus einem kleinen, mit Pflastersteinen umrandeten Stück Erde ein großer grüner Baum erhob. Ob Buche, Ahorn oder Apfelbaum wusste ich nicht. Von Biologie habe ich keine Ahnung, aber ich freute mich über die Aussicht ins Grüne. Ich versuchte gerade erfolglos das Fenster zu öffnen, als Karl-Heinz mit zwei Kaffeebechern ins Zimmer kam.

„Mir ist mal ein Klient aus dem Fenster gesprungen, weil ich ihm auf sein Drängen hin nicht bestätigen wollte, dass meine Entscheidung über sein Aufenthaltsrecht auf jeden Fall positiv ausfallen würde“.

Ich drehte mich entsetzt zu ihm um, aber Karl-Heinz stellte nur ganz lapidar fest: „Er hat sich ein Bein gebrochen, nicht so schlimm. Die Abschiebung musste halt um ein paar Wochen verschoben werden. Aber das will ich nicht noch mal erleben und deshalb lässt sich das Fenster nur noch kippen. Das genügt, um zu lüften, und wenn es im Sommer sehr heiß wird, lassen wir eben die Tür offen stehen. Klimaanlage gibt es leider nicht in diesem alten Gebäude.“

Schweigend trank ich meinen Kaffee. Theorie und Praxis, dachte ich, immer noch erschüttert. Aber bei mir würde es das nicht geben. So nett Karl-Heinz mir auf Anhieb erschienen war, so musste er doch irgendetwas falsch gemacht haben. Niemand sprang einfach so aus dem Fenster. Entweder hatte Karl-Heinz einen Fall falsch beurteilt und jemanden abgewiesen, der ausreichende Gründe hatte, hierzubleiben, oder es war ihm nicht gelungen, dem Mann klarzumachen, dass er es zu Hause doch viel besser hätte, wenn er sich entsprechend bemühte. Und um richtig zu beurteilen und unmissverständlich zu erklären, worin diese Bemühungen bestanden, dafür würde ich alles geben. Karl-Heinz musste einen fatalen Fehler begangen haben. Oder hatte der Klient ihm gar keine Zeit mehr gelassen, aufzuzeigen wie es für ihn weitergehen würde, welche Chancen es für ihn in seiner Heimat gab? Auch das wäre möglich. Ein Kurzschluss eben, der konnte immer mal vorkommen, und da war es eine sehr gute Idee von Karl-Heinz, das Fenster entsprechend feststellen zu lassen. Ich beruhigte mich wieder. Das würde ich in meinem eigenen Büro von Beginn an ebenso halten. Kurzschlussreaktionen waren immer möglich, ganz egal, wie gut man sich auf einen Fall vorbereitete. Also musste einfach Vorsorge getroffen werden, dass so etwas, wie es Karl-Heinz geschehen war, nicht mehr vorkam. Im Stillen tat ich ihm Abbitte für meine spontanen Zweifel an seinem Verhalten, die ich zunächst gehabt hatte.

„Gute Idee“, sagte ich, quasi zur Wiedergutmachung. „Das merke ich mir für mein künftiges Büro.“

Karl-Heinz sah auf seine Armbanduhr, trank in einem Zug den Kaffeebecher leer, warf ihn in den Papierkorb – gab es hier denn keine Kaffeemaschine, aus der man Kaffee in einen eigenen Porzellanbecher füllen konnte? Dem musste ich auf den Grund gehen, Plastikbecher konnte ich nicht leiden und umweltfreundlich waren sie nun ja auch nicht gerade. Das war allerhöchstens eine Lösung für den Notfall.

Karl-Heinz stand auf.

„Zeit fürs erste Interview heute“, sagte er und nahm eine Akte aus dem Regal. „Bleib du erst mal sitzen und hör zu.“ Mit diesen Worten gab Karl-Heinz mir den Ordner. „Du kannst dich schon mal einlesen. Heute kommt eine Frau aus Syrien, das wird aller Voraussicht nach ziemlich schnell gehen und sie wird bleiben dürfen. Trotzdem müssen wir natürlich genau nachfragen und ihre Geschichte festhalten.“

Textauszug 3

„Es sind ja alles immer ähnliche Geschichten. Der Krieg in Syrien steht an erster Stelle. Bomben, zerstörte Häuser, zerstörte Existenzen, zerstörte Leben.“

Ich erzählte in groben Zügen Safiyes Geschichte, die nur eine von vielen war, die ich mir inzwischen angehört hatte.

„Aber die Kriegsflüchtlinge dürfen ja auch bleiben. Es ist schlimm anzuhören was sie erzählen, aber ich weiß, ich kann ihnen schon bald gute Nachrichten zukommen lassen. Sie werden auch die ersten sein, die ich abarbeite, damit sie nicht unnötig lange warten müssen und schnell damit beginnen können ihr neues Leben in Deutschland zu organisieren.“

Cochise nickte.

„Und wer kommt sonst noch zu dir? Du hast doch sicher auch schon Interviews mit Menschen aus anderen Ländern und mit anderen Fluchtgründen gemacht.“

Ich erzählte von Makwetu aus Uganda und von der kleinen mazedonischen Familie. Auf Cochises Frage, wie ich denn in diesen Fällen entscheiden würde, zuckte ich mit den Schultern.

„Noch ist nichts entschieden Es kommt ja immer drauf an. Auf die einzelnen Länder, auf die einzelnen Personen und ihre jeweilige Situation. Ich brauche noch Zeit, um das alles genau zu prüfen“, redete ich mich heraus.

Lieber hätte ich die Wahrheit gesagt. Dass ich eigentlich schon lange entschieden hatte, dass mir schon klar war, als ich die Akten nach der Befragung schloss, wie ich entscheiden würde. Dass mir vorgegeben war, wie ich entscheiden musste, wenn ich mich an die Gesetze hielt und sie nicht nach Belieben auszulegen und auszuweiten versuchte. Was mit Sicherheit möglich wäre, aber wem wäre damit geholfen? Langfristig gedacht ging es den Betroffenen zu Hause oder im direkten Nachbarland besser, davon war ich überzeugt – jedenfalls glaubte ich daran oder wollte daran glauben – und sie nahmen den wirklich Verfolgten und Schutzbedürftigen keine Plätze weg. Aber das dachte ich nur im Stillen. Cochise würde mich nicht verstehen, sie hatte noch nicht gelernt langfristig zu denken, würde es möglicherweise auch nie lernen.

„Aber der Junge aus Uganda, der kann doch auf keinen Fall zurück“, unterbrach Cochise meine gedanklichen Exkursionen.

„So einfach kann man das nicht mit ja oder nein beantworten.“

Ich musste nun wohl doch etwas genauer erklären, was es für Möglichkeiten gab.

„Er kann nicht zurück nach Kampala wo man ihn kennt, da hast du recht. Aber er kann zurück nach Uganda. Uganda ist groß und er muss schließlich nicht auf der Straße herumknutschen. Niemand wird wissen, dass er schwul ist, wenn er in einer anderen Region lebt. Und niemand wird es erfahren, wenn er ein wenig vorsichtig ist.“

„Aber“, setzte Cochise an, „aber er kann doch nicht immer im Geheimen leben, immer in Angst, erkannt zu werden.“

„In Uganda mögen sie die Schwulen nicht, aber niemand wird ihn als Schwulen erkennen, wenn er es nicht will. In Deutschland gibt es immer noch viele Menschen die keine Schwarzen mögen. Und das kann er nicht verstecken. Was ist also wohl besser für ihn?“„Aber …“, mehr wusste Cochise darauf nicht zu antworten. Ich hatte sie ausgeknockt, erkannte ich zufrieden, obwohl mir die Antwort, die ich so einfach ohne nachzudenken rausgehauen hatte, auch nicht gefiel.