Das heimliche Mädchen und der Dancing Boy

1.

Als Shirin am nächsten Morgen von ihrer Mutter geweckt wurde, war sie noch immer eingeschnappt. Sie hatte schlecht geschlafen, hatte immer wieder von Männern geträumt, die sie in irgendwelche Häuser ziehen wollten und immer wieder war irgendwo im Traum die Mutter aufgetaucht, die ihr nicht helfen wollte, sondern nur zusah. Jeder Traum endete, sobald sie im Dunkel des Hauses verschwunden war. Shirin hatte nie weiter geträumt, sondern die gleiche Situation immer und immer wieder. Und dieses Nicht-Wissen, was im Haus geschah, machte sie ganz verrückt. Es ängstigte sie, aber es machte sie auch wütend. Sie würde schon auf sich aufpassen, sich in Zukunft von

Jugendroman

Häusern fernhalten und tun, was Ghaffar ihr geraten hatte. Aber sie würde auch nicht mehr um Hilfe bitten, schon gar nicht die Mutter.

Da erinnerte sich Shirin plötzlich an eine Szene in ihren Träumen, die sich von den anderen unterschied. Wieder hatte ein Mann versucht, sie in sein Haus zu ziehen, sie balancierte ungeschickt die gefüllten Teegläser auf dem Tablett, damit sie nicht herunterfielen und konnte sich deshalb nur schlecht widersetzen. Als sie ihre Mutter, die nicht weit entfernt stand, zu Hilfe rief, machte diese ein paar Schritte auf sie zu, verhedderte sich dann aber in ihrer Burka, die zu lang war und auf die sie bei jedem schnellen unkontrollierten Schritt trat, und brachte sich so selbst zu Fall. Als sie am Boden lag und aufstehen wollte, um zu Shirin zu eilen, stürzten sich von allen Seiten Männer, aber auch in Burkas gekleidete Frauen auf sie und hielten sie fest.

„Shirin ist jetzt ein Teejunge, du hast es selbst so gewollt“, redeten sie auf die am Boden Liegende ein.

„Und du weißt doch, was mit Teejungen geschieht.“ Die Mutter wehrte sich verzweifelt.

„Nein, das habe ich nicht gewusst“, schrie sie. „Lasst mich los, ich muss zu Shirin!“

„Bleib hier! Du bist eine Frau, was hast du überhaupt hier allein auf der Straße zu suchen“, schimpften die anderen.

„Du bist eine Frau, also sei still! Misch dich nicht ein, freu dich, wenn deine Tochter mehr Geld nach Hause bringt, als wenn sie nur ein paar Gläser Tee verkauft.“

„Nein, lasst mich los. Das wollte ich nicht, als ich Shirin zum Teejungen gemacht habe. Shirin …“

An dieser Stelle war Shirin aufgewacht, aber gleich darauf wieder in den nächsten Traum gestürzt. Das Gleiche wieder von vorne, immer und immer wieder – sie erinnerte sich nicht mehr daran, wie sich in den folgenden Träumen ihre Mutter verhalten hatte.

Aber die Erinnerung an die Szene, wie die Mutter in die Burka gehüllt am Boden lag und von den anderen festgehalten wurde, machte Shirin milder. Ihre Wut richtete sich nicht mehr allein gegen die Mutter, sondern vor allem gegen die anderen, die um sie herumstanden, sie festhielten und auf sie einredeten. Je mehr Shirin über diese Traumszene nachdachte, umso weniger Vorwürfe machte sie ihrer Mutter und umso zorniger wurde sie. Zornig über die Leute, die nicht erkannten, was da tagtäglich in ihrem Leben schief lief und eine Frau, die sich wehren wollte, davon abhielten, ihrer Tochter zu helfen.

Bald fühlte sie nur noch Mitleid mit der Mutter und war ihr sogar ein wenig dankbar, dass sie sie zur Bacha Posh gemacht und so vor der Hilflosigkeit, die so vielen afghanischen Frauen immer noch aufgezwungen wurde, gerettet hatte. Sie würde ihre Freiheit nutzen, würde Shahin bleiben, so lange, bis sich die Verhältnisse geändert hätten. So lange, bis Shahin alle Teeläden der Stadt unter seiner Kontrolle und alle Mädchen und Frauen, wenigstens in Herat und den umliegenden Dörfern, befreit hätte. Sie erinnerte sich, dass dies schon am gestrigen Abend ihr Vorsatz gewesen war, aber jetzt stand hinter ihrem Plan nicht mehr die Enttäuschung über die Mutter, sondern der Zorn über die herrschenden Verhältnisse, die Mädchen und Frauen keine Wahl ließen. So klar hatte sie das bisher nicht gesehen.

Shirin hatte ihre langen Haare geliebt, war zur Schule gegangen und hatte gelernt, um später einmal ein besseres Leben als die Eltern führen zu können. Dass ihr das als Frau nur schwer möglich sein würde, darüber hatte sie nie nachgedacht. Dass die Mutter zu Hause war und nur der Vater Geld verdiente war einfach so, war immer schon so gewesen, und Shirin hatte nie überlegt, was das für sie selbst und ihr Erwachsenenleben bedeutete. Jetzt plötzlich wurde ihr schlagartig klar, welchem Schicksal sie vielleicht entgangen war, weil der Tod des Vaters sie gezwungen hatte, zur Bacha Posh zu werden. Auch wenn Vater und Mutter nur ihr Bestes gewollt hatten, auch wenn sie mehr Freiheiten besaß, als andere Mädchen, so konnten anscheinend doch die Eltern allein nicht darüber bestimmen, welches Leben ihre Töchter führten. Das Traumbild der am Boden liegenden, in ihre Burka verwickelten Mutter und der sich um sie herumdrängenden Männer und Frauen, die auf sie einredeten und ihr das Aufstehen verwehrten, wurde zum Symbol für Shirin. Sie würde immer daran denken, wenn sie aufgeben wollte, wenn das Leben als Teejunge zu schwierig schien, dass sie keine Wahl hatte, wenn sie nicht wie die Mutter in ihrem Traum am Boden, im Staub der Straße liegend, festgehalten werden wollte.

Sie würde sich nicht halten lassen, sie würde immer wieder aufstehen, das schwor sich Shirin an diesem Morgen. Shahin würde frei sein und mit ihm eines Tages auch Shirin.

Aber jetzt musste sie erst einmal von der Schlafmatte aufstehen.

Der neue Tag begann und Shirin schob Angst und Schrecken aus ihren Träumen beiseite. Heute war ein neuer Tag, sie hatte aus dem gestrigen gelernt und sie wusste jetzt genau, was sie wollte. Vor allem war ihr auch klar, dass sie nur auf sich selbst vertrauen konnte und seltsamerweise fand sie das eher ermutigend als beängstigend. Plötzlich war sie nicht mehr die kleine ängstliche Shirin, die sich als Shahin verkleiden musste und keine Ahnung hatte, was das neue Leben für sie bringen würde, nein ab heute war sie der starke und mutige Shahin, der auf Shirin aufpasste. Und zugleich die kluge Shirin, die Shahin beraten würde, wann immer er nicht mehr weiter wusste. Und die ihm, sollte er je vergessen, dass er nicht für sich allein kämpft, sondern dafür, dass alle Mädchen und Frauen bald genauso frei leben können wie er, einen Tritt ans Schienbein geben wird, um ihn zu erinnern. Shirin wusste nicht, hatte sie das nur gedacht oder laut ausgesprochen, aber sie grinste gemeinsam mit Shahin über diese Ankündigung und ging nun gut gelaunt zur Mutter, die schon mit dem Frühstück auf sie wartete.

2.

Shirin griff schüchtern nach Fatmas Hand.

„Fatma“, flüsterte sie, „ich muss dir was sagen.“

Vielleicht ging es Shirin ja genau wie ihr, dachte Fatma, und sie überlegte sich einen Plan, wie sie in Kontakt bleiben könnten.

Shirin sah sich um. Niemand war weit und breit zu sehen. Sie drückte Fatmas Hand fester und blieb stehen. Auch Fatma musste anhalten und sah Shirin erwartungsvoll in die Augen. Obwohl sie allein waren, flüsterte Shirin immer noch.

„Fatma, versprichst du mir bei Allah und allen Propheten, dass du nie nie nie jemandem erzählst, was ich dir jetzt sage?“

Fatma wurde ein wenig ängstlich zumute, als Shirin so zu ihr sprach, aber sie nickte ernst.

„Ich werde lieber sterben, als dein Geheimnis zu verraten.“

Shirin sah sich noch einmal um. Immer noch waren sie allein. In der Ferne sah man schon die Wegkreuzung, wo sich ihre Wege trennen würden. Shirin würde weiter ins Dorf gehen, Fatma wohnte etwas außerhalb mit ihrer Familie.

„Fatma, ich habe gelogen in der Schule. Ich gehe gar nicht in den Iran.“ Die Augen der Freundin leuchteten auf, verdunkelten sich aber gleich wieder, als Shirin fortfuhr.

„Wir können uns aber trotzdem nicht mehr sehen. Ich werde eine Bacha Posh. Ich muss als Junge verkleidet arbeiten und Geld verdienen, um meine Familie zu ernähren.“

In Fatma arbeitete es. Auch sie hatte schon von den Bacha Poshs gehört, auch sie hatte den Bericht der neuen Mitschülerin gehört, aber eine Geschichte war etwas anderes, als jetzt ihrer besten Freundin gegenüber zu stehen und zu erfahren, dass diese in Zukunft als Junge leben würde. Mädchen und Jungen hatten gewöhnlich nichts miteinander zu tun. Sie lebten in verschiedenen Welten und es war nicht ungefährlich, sich mit einem Jungen zu treffen und mit ihm zu sprechen. Aber alles war besser, als eine im Iran verheiratete Shirin.

„Danke, dass du es mir gesagt hast, Shirin.“ Fatma drückte Shirin an sich. „Du bist ganz schön mutig“, fügte sie nach einer Pause hinzu, aber Shirin schüttelte den Kopf.

„Ich bin nicht mutig, ich habe riesige Angst davor, ein Junge zu werden. Aber ich habe keine andere Möglichkeit. Irgendjemand bei uns muss Geld verdienen und wer außer mir, könnte das?“

Die beiden Mädchen setzten ihren Weg fort.

„Ich werde einen Weg finden, dich zu treffen“, erklärte Fatma dann überzeugt, nachdem sie eine Weile schweigend und in Gedanken versunken nebeneinander her gegangen waren.

„Aber das ist gefährlich“, sagte Shirin, obwohl sie genau das hatte hören wollen.

„Dann bin ich eben mutig“, antwortete Fatma. „Dann sind wir eben beide mutig.“

An der Wegkreuzung nahmen sich die beiden Mädchen noch einmal fest in die Arme, dann gingen sie in unterschiedlichen Richtungen davon. Fatma würde am nächsten Tag wie immer zur Schule gehen, Shirin war heute wohl zum letzten Mal auf dieser Straße unterwegs.


„Setz dich!“ Ghaffar ließ sich auf einem Sitzkissen nieder.

„Bacha Bazi kann man nicht mit einem Wort erklären. Wenn du wissen willst, was dein neuer Freund macht, dann musst du dir ein wenig Zeit nehmen.“

Shirin setze sich Ghaffar gegenüber. Sie wunderte sich über Ghaffars Verhalten, freute sich aber auch, dass er bereit war zu reden und sie nicht wie ihre Mutter und Faruk mit ihrer Frage einfach stehen ließ.

„Pass genau auf“, begann Ghaffar. „Es ist kompliziert und ich muss ein wenig ausholen.“

Ghaffar setzte sich zurecht, ganz wohl war ihm bei der Sache nicht. Es fiel ihm nicht leicht, über all das zu reden, was er Shahin nun erklären musste, aber was sein musste, musste eben sein.

„Hat dir schon mal jemand erklärt, was zwischen Männern und Frauen passiert? Weißt du, woher die Kinder kommen?“

Shirin sah Ghaffar fragend an, eigentlich wollte sie etwas ganz anderes wissen, nicht, woher die Kinder kamen. Schließlich war sie kein Baby mehr und wusste genau, dass die Kinder aus dem Bauch der Mutter kamen. Allerdings, wie sie da hineingekommen waren, darüber hatte sich Shirin noch nie Gedanken gemacht. Aber was das nun mit Jungenspielen zu tun hatte, war ihr schleierhaft, doch sie wollte Ghaffar nicht unterbrechen, aus Angst, wieder nicht zu erfahren, um was es bei Bacha Bazi ging und was Faruks Geheimnis war. Sie sah Ghaffar fragend an und der fuhr fort.

„Früher lebten in Afghanistan Männer und Frauen anders als jetzt, jedenfalls in den Städten, in vielen kleinen Dörfern war es wohl immer schon so wie heute. Jungen und Mädchen gingen in die Schule, konnten studieren, wenn sie wollten und anschließend einen Beruf ausüben.“

Shirin erinnerte sich an die Erzählungen ihrer Großeltern und nickte.

„Mädchen und Jungen trafen sich in Teestuben oder in der Universität, sie lernten sich kennen, verliebten sich und heirateten, wenn sie sich liebten und für immer zusammenbleiben wollten. So habe ich meine Frau kennengelernt. Wir haben geheiratet, haben beide gearbeitet, sie war Lehrerin und ich Lehrer, wir haben zusammen Konzerte besucht und sind im Park und in der Stadt spazierengegangen. Wie damals leben wir beide heute noch zusammen. Wir lieben uns und respektieren uns, niemand von uns ist wichtiger als der andere oder hat mehr zu sagen. Wir entscheiden gemeinsam, wie wir leben wollen. Aber das kann in dieser Zeit nur noch zu Hause so geschehen. Heute soll eine Frau möglichst nicht mehr aus dem Haus gehen und wenn doch, dann mit einer Burka bekleidet. Die Gesetze sind neuerdings nicht mehr ganz so streng, wie es eine Zeit lang war, aber dennoch hat sich im Großen und Ganzen nicht viel geändert. Zwar dürfte meine Frau nach dem Gesetz jetzt wieder als Lehrerin in einer Mädchenschule arbeiten, aber aus irgendwelchen Gründen bekommen wir beide keine Erlaubnis, wieder in die Schule zu gehen. Man muss bei den Warlords und den Staatsbediensteten beliebt sein, heutzutage, wenn man etwas erreichen will.“

Shirin nickte. Auch ihr Vater hatte ja nicht mehr in seinem Beruf arbeiten dürfen, weil die Großeltern sich unbeliebt gemacht hatten. Aber sie sagte nichts, sondern wartete darauf, dass Ghaffar fortfuhr.

„Aber ganz egal, ob eine Frau heute wieder arbeiten darf oder nicht, sie hat im öffentlichen Leben nichts zu suchen. Nicht bei uns in der Stadt und erst recht nicht auf dem Land. Wo Männer sind, haben Frauen nicht zu sein. Ich kann meine Frau also nicht mehr mitnehmen, wenn ich mit Freunden feiern möchte, sie darf nicht mit mir im Laden arbeiten, sie darf eigentlich gar nichts. Wir Männer, so heißt es, sind besser und wichtiger als die Frauen und diese sollen uns gehorchen. Und wenn die Frau ihrem Mann nicht gehorcht, dann ist der bei den anderen unten durch. Dann ist er kein richtiger Mann und wird ausgelacht und je nachdem, was er tut, was er seine Frau machen lässt, sogar bestraft.“

Shirin fand es zwar sehr spannend, was Ghaffar da erzählte, es war genau das Leben, wovor sie sich gefürchtet hatte, als sie noch Shirin war und wusste, dass genau das auf sie wartete, wenn sie älter wurde. Aber sie musste eigentlich wieder los, die Kunden der zweiten Runde warteten sicher schon und Ghaffar machte den Eindruck, als würde er noch den ganzen Tag weitererzählen, wenn sie ihn nicht unterbracht.

„Aber, Ghaffar, was ist Bacha Bazi?“, warf sie deshalb ein, als der Teehändler eine kleine Pause machte.

„Du hast ja recht“, Ghaffar schreckte aus seinen Gedanken hoch. „Ich sollte meinen Laden wieder aufmachen und du musst mit dem Tee los. Ich versuche es kurz zu machen. Also: Wenn sich zwei Menschen lieben und heiraten, dann möchten sie zusammen schöne Dinge unternehmen und Spaß haben. Und sie küssen sich manchmal, nehmen sich in die Arme und streicheln sich. Das ist schön, das ist sogar sehr schön, aber eben nur, wenn beide das wollen. Und oft bekommen sie dann auch Kinder.“ Warum hatte er nur mit dieser Frage begonnen, ob Shahin wusste, wo die Babys herkamen. Er wusste wirklich nicht, wie er ihm das erklären sollte. Und schließlich war er auch gar nicht dafür zuständig, Teejungen von diesen intimen Dingen zu erzählen. Darüber sprach man gewöhnlich nicht in seiner Welt und Ghaffar wusste nicht, wie er einem kleinen Jungen erklären sollte, wie ein Kind entstand, ohne diesen völlig zu verwirren und ohne selbst einen roten Kopf zu bekommen. Aber Shahin reagierte nicht, schien entweder schon Bescheid zu wissen oder es gar nicht wissen zu wollen, und so fuhr Ghaffar erleichtert fort, ohne weiter auf dieses Thema einzugehen.

„Bei meiner Frau und mir war das immer so, und es ist auch heute noch genauso schön wie zu Beginn. Ich glaube, es gibt viele afghanische Ehepaare, denen es so geht wie uns, die sich lieben und die gerne zusammen sind. Aber heute gibt es wohl leider noch viel mehr Paare, die unfreiwillig zusammengekommen sind. Männer und Frauen müssen heiraten, allein leben geht in Afghanistan nicht, vor allem nicht für Frauen. In manchen Gegenden in den Bergen und auf dem Land war es immer so und in den Städten ist es heute wieder so: Oft werden ganz junge Mädchen mit alten Männern verheiratet, aber auch junge Männer werden häufig in Ehen gezwungen, obwohl sie die Frau nicht lieben, ja meistens kennen sie sich gar nicht. Die beiden haben sich oft noch nie gesehen vor der Hochzeit. Wenn man sich nicht liebt, dann ist das Zusammenleben schwer. Und wenn die Männer meinen, die Frauen gehören ihnen, wie sie das heute immer noch oft lernen, dann haben es die Frauen ganz besonders schwer. Dann sind sie froh, wenn der Mann häufig aus dem Haus geht und sie in Ruhe lässt. Die Männer suchen sich dann jemand anderen zum Spaß haben, jemanden, den sie sich selbst aussuchen können und den sie mitnehmen dürfen zu ihren Freunden, den sie bei Festen und Partys bei sich haben können. Und da das mit Frauen nicht möglich ist, holen sich viele reiche und einflussreiche Männer einen Jungen, der ihnen gefällt. Der Junge muss dann Frauenkleider tragen und für seinen Herrn tanzen. Es gibt einen Spruch, der eigentlich alles erklärt: ‚Frauen sind für Kinder da und Jungen für den Spaß.’ “

„Von seinem Herrn hat Faruk auch gesprochen“, rutschte es Shirin heraus und sie biss sich auf die Lippen. Den Namen Faruks hatte sie eigentlich nicht erwähnen wollen, sie wollte gar nicht von ihm erzählen, sie wollte nur ihre Frage beantwortet bekommen. Aber Ghaffar fragte nicht nach, sondern fuhr fort.

„Leider glauben diese Männer, sie können mit den Jungen machen, was sie wollen. Sie lassen sie Besorgungen für sich erledigen, lassen sie für sich tanzen und wenn sie Lust darauf haben, dann streicheln sie die Jungen und küssen sie.“

„Aber was ist, wenn der Junge das nicht will, wenn er sich nicht überall anfassen lassen will?“, fragte Shirin entsetzt, der ihre Begegnung mir dem unbekannten Mann an ihrem ersten Tag als Teejunge sehr deutlich vor Augen stand. So ähnlich musste das mit den Bacha Bazi-Jungen geschehen, wurde ihr ganz plötzlich klar.

Ghaffar horchte auf.

„Wer redet denn von anfassen? Hat dich jemand angefasst? Bist du zu einem Kunden ins Haus gegangen, obwohl ich dir gesagt habe, dass du das niemals machen darfst?“

Shirin wurde ein wenig rot, sagte aber sehr schnell und sehr überzeugt: „Nein, natürlich nicht. Ich meine ja nur. Wenn der Mann den Jungen streichelt, dann muss er ihn doch anfassen.“

Ghaffar sah sie prüfend an, sagte aber nichts weiter dazu. Shahin schien bereits seine eigenen Erfahrungen gemacht zu haben. Hoffentlich hatte er daraus gelernt. Ihm jetzt noch einmal ins Gewissen zu reden, hielt Ghaffar für überflüssig und sinnlos.

„Ob der Junge will oder nicht, das interessiert seinen Besitzer nicht. Ein Bacha Bazi-Junge gehört seinem Herrn. Er hat ihn entweder entführt oder gekauft und glaubt deshalb, er könne mit ihm tun, was ihm gerade einfällt. Manchmal schenkt er ihn auch einem anderen oder verkauft ihn weiter. Und wenn der Junge wegläuft, lässt er ihn suchen und wieder einfangen und dann bezieht er Prügel. Schlimme Prügel. Und das wissen die Bacha Bazi-Jungen genau, deshalb bleiben sie bei ihrem Herrn.“

Ghaffar erhob sich.